Program Details

Achtsamkeit und Gesellschaft: Gesprächsabend über das Thema : „Prostituierte gehören nicht zu meinem Umfeld, und Freier sind doch die Anderen… Und was bedeutet dann Mitgefühl?“


May 19 / 8:00 PM - May 19 / 10:00 PM

Diese Gruppe ist entstanden aus dem Wunsch, den Shambhala-Begriff 


„erleuchtete Gesellschaft“ besser zu verstehen und mit Leben, mit 
unserem eigenen Leben zu füllen.

Inzwischen ist dies ein Ort, wo Einzelne von uns Themen vorstellen,
die im Bezug zur Vision und zur Erfahrung von „guter menschlicher
Gesellschaft“ stehen, und wo wir im persönlichen Gespräch miteinander
teilen, was diese einzelnen Themen in uns auslösen, in uns bewegen.

Dieses Gespräch soll keinen akademischen oder intellektuellen
Schlagabtausch darstellen, sondern eine Einladung sein für eine
Begegnung in dem, wofür wir „brennen“, was uns wichtig ist.


Aktuell:


nach den letzten sehr schönen Abenden über das Buch“ Ziemlich 
verletzlich, ziemlich stark“ von Philippe Pozzo di Borgo, über die
Fotos von Steve McCurry und das Theaterstück „Dantons Tod“ von Büchner ,Jetztheit", aus "The Shambhala Priciple" von Sakyong Mipham, wird Irina Gerassimez am 19.5. das Thema: "Prostituierte gehören nicht zu meinem Umfeld, und Freier sind doch die Anderen…Und was bedeutet dann Mitgefühl?“ vorbereiten.

Hier die Ankündigung von Irina:


Ich habe 25 Jahre ehrenamtlich in einer Gruppe mitgearbeitet, die Streetwork für Prostituierte macht.
Das Thema hatte mich früher nie interessiert, denn es ging mich ja nichts an… Erst die Begegnung mit dem Gründer dieser Gruppe warf mich mitten in dieses Thema hinein, und die regelmäßigen Treffen mit den Prostituierten veränderten mein Leben nachhaltig. In den beigefügten Artikeln aus den Info-Heften aus den Jahren 1980-2005 könnt Ihr nachlesen, wie die Themen: Macht und Ohnmacht, Berührbarkeit, scheinbare Erfolgslosigkeit,“ was ist gut“, die Sinnfrage an sich, wie entsteht Beziehung, offener Raum usw. alle auch Shambhala-Themen sind.

Ich möchte darüber berichten und anschließend mit Euch ins Gespräch kommen darüber, wie Mitgefühl überhaupt entsteht, ist es eine Haltung, oder wird es ausgelöst durch eine Erfahrung, ist es Empathie, Angerührt-Sein, Mitleid, oder noch etwas ganz anderes?
Und was bedeutet Mitgefühl dann für das Thema „Prostitution“, einem Phänomen unserer Gesellschaft, das es schon immer gab und wohl auch weiterhin geben wird?
Ich bin gespannt, wohin uns dieses Gespräch führen wird!



Wenn Ihr mehr wissen wollt: unten findet Ihr einige Texte von mir aus den Infoheften dieser Gruppe aus den Jahren 2002 und 1999.


Nicht-Wissen: Jeder Augenblick ist eine Schatzkiste, die nie zuvor geöffnet worden ist.
(Joan Halifax)

Liebe Freundinnen und Freunde der Teestube Sarah, in einer Zeit, in der wir zunehmend Wissen mit Macht gleichsetzen, scheint Nicht-Wissen nicht sehr erstrebenswert zu sein. Doch geht es nicht um Unwissenheit, sondern um Nicht-Wissen.
„Ich gebe festgelegte Vorstellungen und Urteile über mich und das Universum auf“, verzichte also darauf zu bestehen, genau zu wissen, was für mich und den anderen gut und richtig ist.

Auch in der Teestube Sarah sind wir nicht dagegen gefeit, zu sehr auf unser Wissen und unsere, immerhin langjährige, Erfahrung zu bauen, anstatt immer wieder mit neuem, frischen Geist in jede Situation zu gehen.
Aber auch, wenn Christiane und ich bei unseren Vorträgen in Gemeinden und Gruppen über die Arbeit der Teestube Sarah sprechen, treffen wir fast immer auf einen Schwall von festen Vorstellungen und Meinungen über Prostitution und vor allem über die armen Prostituierten.
Die zugehörigen Männer, die diese Prostituierten aufsuchen, gibt es nicht, bzw. es sind immer nicht unsere Männer, unsere Freunde oder Bekannte, es sind die Anderen ,die uns nichts angehen.
Da eine Öffnung des Denkens und vielleicht auch des Herzens zu bewirken, ist nicht immer leicht.
Was wir da erleben, ist eine Geschichte des Leugnens. Unsere ganze Gesellschaft, jede(r) von uns eingeschlossen, versucht immer wieder zu leugnen, was ist. Einfach weil es zu weh tut und uns in einen Zustand der Ohnmacht und des Nicht-Wissens führt.

„Deshalb bemühen wir uns, die Obdachlosen, die Alkoholiker, Armen, Kranken, Sterbenden und Bettler auf den Straßen zu ignorieren. Wie Prinz Siddharta leben auch wir hinter Mauern, die das verbergen, was wir nicht sehen wollen. Wenn wir diese Dinge sehen wollen, müssen auch wir uns aus dem Bannkreis der Mauern lösen. Und auch für uns enthalten die Dinge, die wir am heftigsten leugnen, die stärkste Heilungsenergie. Um diese Energie jedoch nutzen zu können, müssen wir zunächst bezeugen, das, was ist: Aids, Armut und Hunger, aber auch Flüsse, Berge und lachende Kinder, Krieg, Auschwitz und der Morgenstern. Wir bezeugen dies, indem wir sagen, DAS BIN ICH.“ ( Bernie Glassmann, Gründer der internationalen und interreligiösen Peacemaker-Community, sie verbindet, ähnlich wie die Teestube Sarah soziales Engagement und Spiritualität)

Dieser Text von Glassmann, hat mich sehr beflügelt, die Idee der Teestube Sarah in vielleicht noch tiefere und radikalere Dimensionen weiter zu denken. Ob ich selbst eines Tages soweit sein werde, diese beschriebene Erfahrung auch hier auf St.Pauli selbst zu erleben, ist sicher offen. Aber ich wünsche es mir.



Es gibt dich, weil Augen dich wollen, dich ansehen und sagen, dass es dich gibt.
(Hilde Domin)

Im September dieses Jahres nahmen einige aus unserer Gruppe an einem S¬eminar für Öffentlichkeitsarbeit teil. Bei der Suche nach der Botschaft der Teestube Sarah, in der Frage nach dem „Warum“ dieser Arbeit, schälte sich ganz überraschend das folgende innere Thema heraus: „Beziehung“ Wenn wir uns fragen, und wir haben uns oft gefragt, jede und jeder fragt sich immer wieder, selbst die Frauen auf der Straße fragen uns: Warum? Warum macht Ihr das eigentlich? Warum opfert Ihr Eure Freizeit, warum kommt Ihr bei Wind und Wetter, warum seid Ihr noch immer in der Gruppe, ob mit oder ohne Teeaustragen?
Was geschieht da, in der Gruppe? Was geschieht, wenn wir den Frauen begegnen?
Es ereignet sich etwas. Es ereignet sich Beziehung. Beziehung in einer besonderen Qualität. Diese besondere Qualität zeigt sich z.B. in der Bedingungslosigkeit den Frauen gegenüber; sie zeigt sich z.B. auch im Verzicht auf Manipulation, auf Wertung oder auf das Wissen, was genau „Schwarz“ oder „Weiß“ ist.
Sie zeigt sich aber auch im Verzicht darauf, dass ich selber „ungeschoren“ aus diesen Begegnungen hervorgehen kann. Das bedeutet, ich lasse mich berühren von der Unmittelbarkeit der Begegnung. Und ich antworte darauf, nicht mit Meinungen und Urteilen, sondern mit der Unmittelbarkeit meiner Person, meines Menschseins.
Das ist eine große Chance, eine Einladung. Sie gilt in allen Bereichen des Lebens und der Gesellschaft. Wir als Teestube Sarah nehmen sie wahr in den Begegnungen auf dem Kiez, und in den Begegnungen innerhalb der Gruppe. In der Verbindung mit der verrückten Idee eines Otto Oberforsters „nur“ eine Tasse Tee mit den Frauen zu teilen, leben wir Beziehung. In der Auseinandersetzung innerhalb der Gruppe, mit dem, was wir auf der Straße erleben und dem, was wir in uns erleben, erleben wir Beziehung. Beziehung als Wert in sich. Beziehung als Brücke zu ausgegrenzten Menschen und zum Ausgegrenzten in uns selbst. Beziehung als Spiegel, wie der Himmel vielleicht gemeint sein könnte
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